MINT wirkt für viele wie eine eigene Welt – spannend, manchmal ein bisschen einschüchternd und oft schwer greifbar. Dabei steckt hinter Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik viel mehr als Schulstoff: Neugier, Kreativität und die Freiheit, eigene Ideen auszuprobieren. Genau das möchte die MINT‑Akademie Schleswig‑Holstein vermitteln. Für dieses Interview habe ich mit jemandem gesprochen, der das jeden Tag lebt: Florian Uellendahl‑Werth, Bioinformatiker, tätig am IPN und mein Mentor in der MINT‑Akademie. Er unterstützt Jugendliche dabei, ihre Interessen zu entdecken, eigene Projekte umzusetzen und mutige Ziele anzugehen. Im Gespräch erzählt er, wie er zum IPN gekommen ist, warum Mentoring so wirksam sein kann und weshalb MINT eigentlich ein offener Club für alle sein sollte.
Kannst du dich bitte vorstellen — wer du bist, was du beruflich machst und wie du zum IPN gekommen bist?
Ich heiße Florian Uellendahl-Werth und wohne mit meiner kleinen Familie in Kiel-Wik. In meinem Beruf arbeite ich gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen, die auch außerhalb der Schule richtig viel lernen wollen oder die ein eigenes Projekt realisieren wollen. Dabei konzentriere ich mich auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT-Fächer). […] Zum IPN bin ich nach meiner Promotion als Bioinformatiker gekommen […].
Wie würdest du deinen Arbeitsalltag am IPN kurz beschreiben — was sind deine Hauptaufgaben?
Ich bereite außerschulische MINT-Angebote vor, plane sie, führe sie durch und kommuniziere dazu mit vielen Menschen, wie Lehrkräften, Eltern und Wissenschaftler*innen. Ich berate Jugendliche zu ihren MINT-Interessen und Zielen, dazu kommen wir bestimmt gleich noch. Meine Erfahrungen und Erkenntnisse fasse ich gelegentlich in Präsentationen oder Zeitschriftenartikeln für Lehrkräfte und Fachkolleg*innen zusammen. Weiterhin helfe ich mit zu planen, wie die vielen MINT-Förderangebote in S-H besser zusammenarbeiten können.
Was begeistert dich persönlich an der Arbeit mit Jugendlichen und an MINT-Bildung allgemein?
MINT klingt, finde ich, wie der Name für einen Club, zu dem man entweder dazugehört oder nicht. Diese Vorstellung ist aber falsch. Zu MINT gehören jede Menge Dinge, die fast alle Menschen interessieren, unabhängig von Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Aussehen oder wieviel Geld man hat. Es ist enorm vielfältig. […] Mein Auftrag ist zu zeigen, dass sich Chemie, Technik, Biologie und so weiter auch für Kinder und Jugendliche interessieren und Freude machen können, sodass sie sich auch als Hobbies eignen. Mit Jugendlichen zu arbeiten macht mir persönlich viel Spaß. Sie kommen gerne mal auf Ideen, bei denen man sich als Erwachsener denkt: „Das ist doch total verrückt!“ […] dadurch lerne ich wertvolle Perspektiven […] kennen, die ich vorher nicht kannte. Und die Jugendlichen können sich ohne Angst […] ausprobieren. Manchmal sind die Ideen aber auch total clever und bringen uns als Gesellschaft weiter. An diesen Stellen möchte ich da sein und den Weg bereiten […].
Für unsere Leserinnen und Leser: Was genau ist die MINT-Akademie SH — kurz und klar erklärt für Leute, die das zum ersten Mal hören?
Super Frage, die habe ich mir als ich da angefangen habe auch gestellt. Es gibt eine Zusammenfassung, die ich hier mal zitiere, weil es den Kern gut trifft: „Mit der MINT-Akademie im Netzwerk Schülerforschungszentren Schleswig-Holstein erhalten Schülerinnen und Schüler eine möglichst breite und intensive Förderung in den Bereichen Mathe, Naturwissenschaften, Informatik und Technik (MINT). Interessierte wie talentierte Kinder und Jugendliche können über die Schülerforschungszentren sowie weitere Partnereinrichtungen in ganz Schleswig-Holstein zusätzliche Angebote wahrnehmen. Darüber hinaus können sie sich mit Forschenden, aber auch untereinander, vernetzen und austauschen. Die Beschäftigung mit MINT-Themen über den Unterricht hinaus soll so schrittweise einen vergleichbaren Stellenwert in der Gesellschaft einnehmen, wie der Besuch von Sportvereinen oder Musikschulen.“
Welche Formate bietet die Akademie an? Bitte jeweils ein kurzes Beispiel.
Wir haben ein Camp namens „Talentecamp“ in den Sommerferien mit wechselnden Themen, letztes Jahr gab es als Themen Bionik und smarte Gesundheitstechnologien. […] Wir kooperieren mit Schulen, zum Beispiel beim Profilseminar, bei dem zwei Kurse gerade eigene Smartphoneapps entwickeln. Ein weiteres Produkt ist ein Experimentierkoffer, mit dem man eine essbare Batterie bauen kann, die echten Strom liefert und mit der man viel über Energietechnik lernen kann. Die Koffer werden bald an Schulen im ganzen Bundesland verteilt. Und dann bieten wir noch Workshops rund ums Forschen für Kinder und Jugendliche an. Es gibt aber noch einiges mehr, sprecht uns also gerne an.
Du betreibst ein Mentoring-Programm in der MINT-Akademie. Was genau kann dieses Mentoring umfassen — kurz erklärt für Leute, die das zum ersten Mal hören?
Das MINT-Mentoring soll einzelne Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, sich ein großes Ziel, das mit MINT zu tun hat, zu stecken und Schritt für Schritt zu erreichen. Dazu sprechen sie alle paar Wochen mit einer Mentor*in, die dabei Tipps gibt, motiviert, unterstützt und vor allem zum Nachdenken anregt. So ein Ziel kann sein, dass jemand herausfinden möchte, ob Mathematik wirklich das richtige Studienfach für ihn ist, bei einem MINT-Wettbewerb gut abschneiden möchte, ein eigenes Computerspiel publizieren möchte. Das Wichtigste ist, dass es ein eigenes Ziel ist.
Wie kamst du dazu, das anzubieten — gab es ein Schlüsselerlebnis oder Vorbildpersonen?
Ja, ich hatte einen Lehrer in der Schule, der mich motiviert hat, an Wettbewerben teilzunehmen und mich dann auch weiter begleitet hat. Ohne diesen Input und fortlaufende Unterstützung wäre ich heute definitiv nicht, wo ich jetzt bin. Wichtig war, dass er mir nichts hinterhergetragen hat, sondern mich ermutigt hat, mich selbst um meine Bildungserfahrungen zu kümmern. Außerdem sagt die Forschung, dass Mentoring eine, wenn nicht die beste Methode der Talentförderung ist.
Was hat dich motiviert, dieses Programm zu starten?
Das ist eine einfache Frage: Ich weiß, dass es richtig viel bringt.
Wie lange dauern solche Mentoring-Beziehungen normalerweise, und wie sieht ein typisches erstes Treffen aus?
Beim ersten Treffen geht es darum, sich kennenzulernen. Eine Mentoring-Beziehung setzt beiderseitiges Vertrauen voraus. Dann frage ich nach konkreten Anliegen und welche Ressourcen und Probleme ein Mentee mitbringt. Das können persönliche Stärken und Schwächen sein, aber auch äußere Umstände. […]. Wenn der Mentee und ich uns dann entscheiden, weiter zusammenarbeiten, dann dauert eine Mentoring-Beziehung zwischen 6 Monaten und 2 Jahren.
Was ist dir in der Rolle als Mentor besonders wichtig: Fachliche Tipps, Motivation, Netzwerk, oder etwas Anderes?
Das kann von Mentee zu Mentee unterschiedlich sein, aber das persönliche, psychische Wohlbefinden ist natürlich die Basis für alles Weitere. Laut der Selbstbestimmungstheorie sind Kompetenzerleben, Autonomie und soziale Eingebundenheit entscheidend für die Motivation. Das bedeutet vereinfacht, dass man motivierter ist, wenn man das Gefühl hat, etwas gut zu können, selbst Entscheidungen treffen zu können und dass die Tätigkeit in einen sozialen Kontext eingebunden ist. Ich versuche mit meinen Mentees herauszufinden, wie sie selbstbestimmt, also autonom, ihre Interessen verfolgen können.
Wie können Schülerinnen und Schüler am besten von dir oder anderen Mentor:innen profitieren — welche Vorbereitung oder Fragen sollten sie mitbringen?
Man muss nichts mitbringen, außer dem Wunsch, etwas über den Unterricht hinaus in einem MINT-Thema zu lernen, zu tun, zu entwickeln oder an einem Wettbewerb teilzunehmen. Am Ende des Kennenlernens steht ein Ziel, das die weitere Arbeit definiert. Insofern wäre die beste Vorbereitung, sich zu fragen, was man gerne lernen, tun oder entwickeln möchte. Ich helfe aber auch dabei, aus einem unklaren Ziel ein wirklich gutes Ziel zu machen.
Welche Werte sind dir bei der MINT-Bildung und in deiner Mentorenarbeit am wichtigsten?
Mir persönlich sind Ehrlichkeit und Gerechtigkeit wichtig. Bildungsgerechtigkeit bedeutet eben nicht, alle gleich zu behandeln, sondern alle nach ihren Bedürfnissen zu behandeln, also oftmals unterschiedlich.
Erzähl uns kurz: Was war dein erster Aha-Moment mit Wissenschaft?
Einer der ersten war, dass wir im Kindergarten Barometer aus Marmeladengläsern und Luftballons gebaut haben. Irgendwie wusste das Ding, ob gutes Wetter ist. Das fand ich ziemlich aufregend.
Ein Buchtipp, Podcast oder YouTube-Kanal, den du Jugendlichen ans Herz legst?
„What color is your parachute” von Richard Nelson Bolles ist ein guter Start, um sich immer wieder im Leben zu orientieren, was man gut kann und gerne macht und wie man das so kommuniziert, dass man eine passende Arbeit findet und auch bekommt.
Drei schnelle Antworten: Kaffee oder Tee; Frühaufsteher oder Nachtmensch; Lieblingsabbau nach der Arbeit?
Tee, eher Frühaufsteher und nach der Arbeit kommt erstmal die Familie dran. Wenn ich dann Zeit für mich habe, spiele ich gerne Computerspiele, Pen and Paper-Rollenspiele oder Padel.
Wenn du unseren Leserinnen und Lesern nur einen einzigen Rat zu Neugier an MINT, Studienwahl oder Berufsorientierung mitgeben könntest — welcher wäre das und warum?
Darf ich zwei? Nimm dir genügend Zeit, herauszufinden, was du mit deinem Leben tun möchtest. Versuche auseinanderzuhalten, ob ein Wunsch wirklich dein eigener ist. Es ist dein Leben, und du wirst es nur einmal leben. Und wenn du etwas in MINT machen willst, versuch, dass Mathe und Du Freunde werden und bleiben. Statt Mandala einfach mal mit Zahlen herumspielen. Mathematik ist nicht das gleiche wie Matheunterricht!
Nach dem Lesen Lust bekommen auf die MINT-Akademie SH? Schau doch mal hier rein: https://www.sfz-sh.de/mint-akademie.html
